Lebensgefahr in Sao Paulo

Mir war bewusst, dass Brasilien und insbesondere Sao Paulo keine besonders sicheren Orte sind. Die Überfall- und Mordrate ist hier deutlich höher als anderswo auf der Welt. Dass es aber mich einmal treffen könnte, war jenseits meiner Vorstellungskraft. 

Einige Wochen schon verfolgte ich die Mädels von Heidi Klum’s TV Show „Germany’s next Topmodel“ durch die USA. Von L.A. nach Vegas, von dort wieder zurück und schließlich nach Brasilien. In Sao Paulo mietete ich mich im selben Hotel ein wie die Models, um ihnen auf den Fersen zu bleiben. Die Mädchen waren nicht besonders vorsichtig was Informationen betraf. Alles was ich wissen musste, gaben sie unbewusst preis. Abends fand man sie oft an den öffentlichen Internetterminals im Hotel. Es war keine Kunst ihre Facebook-Chats vom Nebenplatz mitzulesen. Auch löschten sie nie den Verlauf des Browsers, geschweige denn den Papierkorb des Computers.

Am kommenden Tag sollte eine Modenschau in einer Villa in einem Diplomatenviertel von Sao Paulo stattfinden. Ich besichtigte die Location schon vorab, um mir einen Überblick zu verschaffen. Es gab nur zwei Möglichkeiten einen guten Blick auf das Anwesen zu bekommen. Für mein großes Tele – ein 600er – brauchte ich freies Schussfeld. Die Entfernung war dabei zweitrangig.

Der nächste Tag. Donnerstag 3. März 2011. Die Models werden wie geplant mit Bussen zur Villa gefahren. Ich positioniere mich in der Straße Patriotas mit Blick auf den Eingang zur Villa. Es gibt keinerlei Deckungsmöglichkeiten und ich muss die Fotos auf offener Straße machen. Zwar verstecke ich mich hinter einem Baum aber meine lange Linse lugt hinter dem Stamm hervor. Um wenigstens etwas Tarnung zu bekommen, werfe ich meinen dunkelblauen Kapuzenpulli über das weiße Objektiv und lege zum Abschuss an. Zuerst erblicke ich Jorge González, dann folgen ein paar der Mädchen. Die Sicht ist trotz des Regens besser als gedacht.

Plötzlich Reifenquietschen… lautes Geschrei… vor mir und neben mir Männer mit Pistolen… ich schaue genau in den Lauf ihrer Waffen… sie schreien mich auf Portugiesisch an… ich verstehe kein Wort… weiß überhaupt nicht was los ist. Wie gelähmt stehe ich da, kann mich nicht bewegen… mit beiden Händen halten sie ihre Pistolen auf mich gerichtet… den Finger am Abzug. „Bloß nicht bewegen!“, schreit es in mir und ich denke „…sie haben es auf meine Kamera abgesehen, also sollen sie sie haben.“ Ich lasse die schwere Optik mit meiner Kamera fallen und versuche die Lage zu beruhigen. Das Gegenteil passiert. Sie werden noch aggressiver, schreien permanent auf mich ein. Einer der beiden kommt vorsichtig näher und reißt meinen Pullover von der Kamera weg… der andere hält mich weiter in Schach. Ihr Blick fällt auf das Teleobjektiv und die Kamera. Ich sehe wie sich ihre Anspannung löst, sie atmen auf. Ich werde an eine Wand gestellt und durchsucht. Erst jetzt realisiere ich, dass dies kein Überfall ist: es handelt sich um Zivilpolizisten.

Ich versuche mich auf Englisch verständlich zu machen, benutze das Wort „paparazzo“ was einer der Männer auch versteht. In gebrochenen Englisch erklärt er mir, dass sie bei einer falschen Bewegung sofort geschossen hätten. „In Brazil, we shoot first and then we ask why!“, klärt er mich auf. Weiter lässt er mich wissen, dass Anwohner sie alarmiert hätten, weil ein Scharfschütze mit einem Gewehr an einem Baum steht und auf die Villa zielt. Sie glaubten, ich wäre ein Attentäter. Schließlich befand ich mich mitten in einem Diplomatenviertel der Stadt. Die Lage beruhigte sich und man bot mir eine Zigarette an, die ich dankend ablehnte. Ich hatte verdammtes Glück gehabt. Die Polizisten ließen sich die Bilder auf der Kamera zeigen und wünschten mir noch viel Erfolg. Dann fuhren sie wieder davon. Ich hatte noch immer zittrige Knie.

Natürlich war ich als Paparazzo jetzt aufgeflogen. Das Filmteam hatte die ganze Aktion von der Villa aus verfolgt. In der späteren Ausstrahlung im Fernsehen sah man glücklicherweise nichts davon.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.