Sechs Tage Rennen Bremen

Der ganz normale Six Days Wahnsinn

Wenn im Januar in Bremen das größte Sechs-Tage-Rennen der Welt stattfindet, gilt es für den Bremer als eine Art Pflichtveranstaltung. 

Auch wenn der Startschuss in diesem Jahr eher weniger prominent vonstatten ging. Die beiden Startschützen, ein Hundetrainer namens Martin Rütter, den ich zugegebenermaßen erst einmal googeln musste, um festzustellen wer das eigentlich ist und Werder Bremen Kapitän Clemens Fritz schickten die Fahrer am Donnerstag ins Rennen. Vorbei sind die Zeiten mit Starternamen wie David Hasselhoff, Naomi Campell, Roger Moore, Bud Spencer, die Klitschkos oder Dieter Bohlen. Schuld dürften die exorbitanten Gagen der Künstler sein. Eine Helene Fischer wäre sicher toll gewesen, aber leider unbezahlbar. 

Auch ohne Top-Promis sind die Besucher der Veranstaltung treu. Der Samstagabend erfreut den Veranstalter Theo Bührmann jr. mit einer vollen Halle; die Ränge sind dicht besetzt und der Innenraum knackevoll. „Sehen und gesehen werden“, lautet das Motto. Hier bei den Six Days trifft man sich garantiert. Menschen, die sich über Monate oder sogar Jahre nicht gesehen haben, liegen sich in Wiedersehensfreude in den Armen, stoßen miteinander an und plaudern über alte Zeiten. Manche sind auch zum ersten Mal bei den Six Days. Wie Star-Zahnarzt Milan Michalides aus Stuhr, der zusammen mit seiner Frau dem Ex-Playmate Emanuela in der Loge mit Tim Wiese und Ailton feiert. Er ist begeistert, wenn auch seine Frau mit der musikalischen Darbietung von Partyschlagerkönig Mickie Krause wenig anfangen kann. Das übrige Publikum hingegen schon. Sie stehen auf den Stühlen und singen auf den Rängen „Schatzi schenk mir ein Foto…“. Lautstark dabei sind auch Daniela Wolf, ebenfalls ein Ex-Playmate und Tim Wieses Frau Grit. In den Logen ist es jetzt eng geworden, die Gäste brauchen Platz zum Tanzen und der eine oder andere schwankt sichtlich angetrunken durch die Gänge hinaus zu den Toiletten. 

Das Six Days-Spektakel hat seinen Höhepunkt erreicht. Gut gekühltes Bier fließt und die Bedienungen, die für die Logengäste verantwortlich sind, haben es nicht leicht die vollen Tabletts mit Wein, Bier und diversen Mischungen unversehrt zu den Tischen zu balancieren. In Loge eins hält sich der ehemalige UN Sonderberater für Sport und Ex Werder Bremen – Manager Willi Lemke die Ohren zu. Er gehört quasi zum Inventar und weiß, was gleich folgen wird. Wrestling Newcomer und Ex Werder Bremen Torwart, Tim Wiese alias „The Machine“ steht mit einer Pistole auf der Bahn und schickt die Fahrer zur letzten Jagd des Tages mit einem ohrenbetäubenden Schuss ins Rennen. 

Während die Sportbegeisterten auf den Rängen das Rennen verfolgen, sind die Radrennfahrer für manche Besucher eher Nebensache. Sie sind ausschließlich zum Feiern zum Sechs-Tage-Rennen gekommen. Vom Eingang geht es für sie vorbei am sportlichen Geschehen in Halle 1 direkt in Halle 2, um sich bei den unterschiedlichen Köstlichkeiten von Spanferkel bis Pommes Rot-Weiss eine Grundlage für den Abend zu schaffen. Hier teilt sich das Publikum unwillkürlich in zwei Gruppen. Ein Teil schwenkt nach links in Halle 3 zur „Deka-Dance“ Party mit angesagten DJs der Clubszene, der andere Teil strömt weiter in Halle 4 zur großen Showbühne und steuert zwischendurch noch eine der vielen Bierquellen an. Auf der Bühne schwitzt und springt ein völlig durchgedrehter DJ Toddy hin und her… auf und ab. „Hier kommt Alex, Vorhang auf für seine Horrorshow“, brüllt er ins Mikrofon und die Masse gröhlt textsicher mit. In den Ecken der Halle haben sich schon die ersten knutschenden Pärchen verzogen während ein anderer gerade versucht ein Rudel Mädels eines Junggesellinnenabschieds anzuflirten. 

Der ganz normale Wahnsinn und das ist gut so, denn Bremen braucht diese Traditionsveranstaltung. Wenn auch sonst überall die Six Days aussterben. In Deutschland gibt es nur noch die Rennen in Bremen und Berlin. Letzteres startet im Anschluss an Bremen und läuft vom 19. – 24.01.17. Europaweit sind es aktuell 2016/2017 nur noch sieben: London, Gent, Amsterdam, Rotterdam, Bremen, Berlin und Kopenhagen. 

Auf dem Weg zum Ausgang treffe ich noch Radsport-Kenner Bernd Lange mit seiner Frau Marita, die beide bis zum Veranstalterwechsel 2011 das Bremer Sechs-Tage-Rennen unter Frank Minder organisierten. Bernd erzählt ein paar Anekdoten aus alten Zeiten, darunter wie er die dreifache Olympiasiegerin und Starterin Florence Griffith Joyner am Flughafen abholte und zahlreiche Six Days Geschichten, die für ein Buch ausreichen würden. Für den Radsportfan zählt allerdings der Sport und so wird er zum Ende am Dienstag auf den Rängen sitzen und sich das spannende Geschehen bis zum Abschuss an der Ziellinie anschauen.

Draußen vor der Halle schneit es in dicken Flocken, ein Lichtermeer von gelben Taxischildern leuchtet bis auf die andere Seite der Bürgerweide. Bis Montag bei den Six Days… dann sehen wir uns wieder zum „Tag der Bremer“, dem publikumsstärksten Tag des Rennens.

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